Entstehungsgeschichte von Ibsens Drama "Nora"

Warum das Schauspiel in Norwegen und Deutschland ein Skandal war

05.01.2010 Nicole Korzonnek

Als Henrik Ibsens Schauspiel „Nora (Ein Puppenheim)" 1879 uraufgeführt wurde, sorgte es in Norwegen für Diskussionen, denn der Schluss war ein gesellschaftlicher Skandal.

So etwas hatte es auf der Bühne noch nie zuvor gegeben: Eine Frau, die ihren Mann und ihre Kinder verlässt, um sich selbst zu finden und endlich frei über das eigene Leben bestimmen zu können. In unserer Zeit mag das eine Selbstverständlichkeit sein. Immerhin wird inzwischen jede dritte Ehe geschieden. 1879 allerdings war das in Norwegen ein unerhörter Skandal. Bis dato wurde im Theater nur das überhöhte Schöne, das Poetische gezeigt. Man weigerte sich, in das Schlafzimmer eines Bürgerpaares zu schauen und miterleben zu müssen, wie die Fassade bröckelt und letztlich vollkommen zusammenbricht. Doch Ibsen stellte mit seiner „Nora“ eben das auf die Bretter der Welt. Nachdem er bereits mit „Stützen der Gesellschaft“ sein erstes realistisches Drama schrieb, ging er mit „Nora“ aber noch einen Schritt weiter, indem er die Selbstbestimmung der Frau, die ihm auch persönlich sehr am Herzen lag, thematisierte.

Norwegen und die Rechte von Frauen

In seinem Heimatland wurde unverheirateten Frauen bereits 1863 die Mündigkeit zugesprochen, doch für vermählte Geschlechtsgenossinnen trat dieses Privileg erst 25 Jahre später in Kraft. Als Ibsen im Oktober 1878 an den Arbeiten zu seinem Schauspiel begann, lebte er in Rom und war Mitglied im Skandinavischen Verein. Dort forderte er im Februar 1879, dass auch Frauen als Bibliothekare berücksichtigt und weiblichen Vereinsmitgliedern endlich das Stimmrecht erteilt werden soll. Man merkt also schon an diesem Beispiel, dass den Dramatiker die Thematik beschäftigte, doch die Grundlage für „Nora“ ist ein reales Vorbild.

Laura Kieler war die reale Nora

1871 lernte Henrik Ibsen in Dresden Laura Petersen kennen, die zwei Jahre später den dänischen Lehrer Victor Kieler heiratete. Als ihr Mann an Lungentuberkulose erkrankte, nahm die verzweifelte Gattin heimlich gefälschte Kredite auf, um ihm so die dringend notwendige Kur finanzieren zu können. Zurück in Dänemark, wiederholte die inzwischen schwangere Laura Kieler diese Fälschung, um die Finanznöte der Familie zu lösen. Dieses Mal allerdings flog der Betrug auf. Ihr Mann ließ sie in eine psychiatrische Klinik einweisen, die Ehe wurde getrennt und das Kind ihr weggenommen. Trotz dieser brutalen Entmündigung kehrte Laura Kieler zwei Jahre später auf Wunsch ihres Gatten wieder zu ihm zurück. Nach der Uraufführung des Schauspiels beschwerte sich Laura Kieler bei Henrik Ibsen und bat ihn klarzustellen, dass sie nicht das reale Vorbild für dessen Nora sei. Der Dramatiker tat dieses Ansinnen als lächerlich ab und behauptete, niemals eine Gleichsetzung vorgenommen zu haben. Da es sich bei „Nora (Ein Puppenheim)“ aber um ein realistisches Drama handelt, welches bis auf die Rückkehr der Gattin einen beinahe identischen Inhalt hat, lassen sich die Parallelen nach wie vor nicht von der Hand weisen.

Uraufführung in Kopenhagen

Unter dem Titel „Ein Puppenheim“ wurde das Schauspiel am 21. Dezember 1879 am Königlichen Theater Kopenhagen uraufgeführt – und sorgte dort für den bereits angesprochenen Skandal. Die meisten Kritiker ergriffen sofort für die fiktive Gestalt des Gatten, dem Bankdirektor Helmer, Partei, und verurteilten das egoistische Handeln seiner Frau Nora. Welche Mutter würde denn schon ihre Kinder verlassen, nur um sich als Mensch frei entfalten zu können? Das war zu der damaligen Zeit ein wirklich unerhörter Vorgang, den man auf der Bühne nicht sehen wollte.

Änderungen der deutschen Version

Genau diese Vorurteile hatte man auch in Deutschland. Da es zwischen Deutschland und den skandinavischen Ländern keine Urheberrechtsverträge gab, konnte man aber Änderungen vornehmen. So benannte der Übersetzer Wilhelm Lange das Stück etwa in „Nora“ um, während der damalige Leiter des Thalia Theaters Hamburg, Chérie Maurice, kurzerhand den Schluss änderte und Nora bei ihrer Familie bleiben ließ. Genau so wurde das Schauspiel Anfang 1880 dann auch in Flensburg uraufgeführt. Henrik Ibsen fand die Verschandelung seines Werkes empörend und bezeichnete sie als „barbarische Gewalttat“, doch er konnte leider nichts dagegen unternehmen. Erst einige Monate später wurde in München die Originalversion abwechselnd mit dem geänderten Schluss gezeigt. Nachdem aber auch in Deutschland die Emanzipation stetig voranschritt, ging man dazu über, nur noch das von Ibsen erdachte Ende zu spielen. Außerdem setzte man den ursprünglichen Titel in Klammern hinter den Namen der deutschen Übersetzung. Heutzutage ist ausschließlich das Original zu sehen, das mit dem wohl berühmtesten Türenknall der Theatergeschichte auch unsere Bühnenlandschaft geprägt hat.

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Henrik Ibsen um 1870, Liberal Freemason Henrik Ibsen um 1870
   
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